Reisebericht: Durch Kaschmir.

Ich reise gerne, viel und anders. Am liebsten dort, wo wenige sind und am meisten mag ich es, wenn es abenteuerlich oder schräg wird.

 

Durch Kaschmir I

Zwischen Traum und Wahnsinn

 

Reisen hat nicht immer und unbedingt etwas mit Urlaub zu tun. Reisen ist manchmal hart und kräftezehrend, körperlich wie geistig. Nicht ohne Grund stammt das englische Wort für reisen – „travel“ – vom französischen „travailler“ ab – was so viel bedeutet wie: arbeiten, sich mühen, plagen. Und so müht man sich als Reisende ab und an durch ferne Länder und fragt sich, warum.

Diese Reisegeschichte beginnt mitten im Reisen. Und mitten in Kaschmir. Und irgendwie auch wieder nicht. Ausgangspunkt der Fahrt war Leh, Ladakhs Hauptstadt. Die Provinz Ladakh liegt im umkämpften Bundesstaat Jammu und Kaschmir, am Fuße des gewaltigen Himalaya-Massivs. Ladakh, das sogenannte „Klein-Tibet“, ist übrigens im Gegensatz zum Rest von Kaschmir stark buddhistisch geprägt. Obwohl wiederum 49% der ladakhischen Hauptstädter aufgrund eines kuriosen geschichtlichen Vorfalls Moslems sind.

Ich wollte jedenfalls in die Provinz Kaschmir. Genauer gesagt in die Stadt Srinagar, von dort nach Jammu und dann weiter nach Dharamsala zum Dalai Lama. Das war ein weiter Weg, und den verkürzt man sich am besten mit bereichernden Zwischenstopps.

Mein ladakhischer Freund und Bruder im Geiste Gulzar wollte auch nach Srinagar. Und unsere neue Reisebekanntschaft, die äußerst unterhaltsam kichernde Kai aus Singapur ebenfalls. Das war gut. Gulzar organisierte  das „Taxi“ für die 10-stündige Fahrt und stellte uns am nächsten Tag unseren Fahrer Nadeem mit folgenden Worten vor: „Girls, this ist he best driver of Ladakh! Once he drove the whole way down to Srinagar without working breaks!“ Das fand ich kühn und unglaublich. (Noch kühner und unglaublicher hätte ich es gefunden, wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon die Straßenverhältnisse gekannt hätte.) Da stand er nun, der Nadeem. Ein Mann, aber ein richtiger. Ein Haudegen, ein Galgenvogel, ein Steppenwolf. Verwegen, gerissen, nicht unbedingt schön, dafür aber unglaublich sexy. Er grinste sein schräges Grinsen mit der obligaten Zigarette im Mundwinkel und stieß uns den Rauch entgegen. Kein „Hallo“, kein „Julley“. Auch ok.

Der Jeep wurde gepackt, wer mit uns fuhr, weiß ich nicht mehr. Es waren Inder, irgendwelche. Ich erinnere mich nur noch an Hände, die Snacks nach hinten reichten. Apropos hinten: ganz hinten. Dort saßen wir nämlich zu dritt, da wir dachten, das müsse viel kurzweiliger bei dieser langweiligen Fahrt sein. Der Preis allerdings war hoch: Schon bald musste sich abwechselnd einer von uns nach vorne lehnen, um die Schultern der beiden anderen zu entlasten. So eng ging’s zu. Irgendwann kam natürlich dann doch der Punkt, an dem alles egal war und man nicht mehr wusste, welche Gliedmaßen einem selbst gehören. So aber spürte man zu Beginn der Fahrt noch deutlich das Reserverad im Rippenbogen scheuern, während die Schläfe dank der Straßenverhältnisse unermüdlich an das Fenster knallte. Am Anfang waren es noch Straßen-Verhältnisse. Zumindest schien unser Fahrer ein Verhältnis mit der Straße zu haben – ein zweifellos sehr leidenschaftliches, heißblütiges.

Bis Kargil ging’s. Dort machten wir die erste Rast. In einem kleinen Restaurant gab’s als Belohnung für die ersten Strapazen einen Teller mit quietschvergnügten Fliegen und lebensmüden Linsen sowie einen Buttertee, der schmeckte, wie eben ein Buttertee schmeckt: schal, salzig, seltsam. Nadeem rauchte mit seinem Beifahrer, dem kaschmirischen Polizisten (den ich fortan schon allein seines Aussehens wegen einfach „Bulle“ nennen möchte) um die Wette und lud mich via Gulzar auf ein Abendessen in Srinagar ein. Dabei grinste er mich mit dem Zahnstocher im Mundwinkel anzüglich an und zog mich mit seinen Blicken schon mal aus. Noch bevor ich antworten konnte, kam mir Gulzar zuvor und erklärte ihm, dass ich sowieso verheiratet sei und etliche Kinder hätte. Dass diese Ausrede kein Kashmiri glaubt, musste ich während meiner Reise mehrmals feststellen. Die Logik der Herrschaften dort war ganz simpel: Kein Ehemann, nicht einmal ein schlechter, lässt seine Frau allein nach Kaschmir. Und das mit gutem Grund, wie ich irgendwann auch selbst zur Überzeugung kam. Nadeem jedenfalls nahm die Ausrede an und verstand, zumindest aus reiner Höflichkeit.

Während der Motor lief und das staubige Kargil noch ein bisschen mehr verpestete, besorgten wir noch viel zu viele der indischen „Orange Cookies“. Die mit der neon-orangen Cremefüllung, die man irgendwie mag und nicht weiß, warum. Dann ging’s zurück zum Jeep. Die Zeit verging langsam, dafür brach die Nacht umso schneller herein. Und auch Nadeem ließ sich nicht bremsen. Die Straße war längst keine Straße mehr: mal extrem breit, mal extrem schmal. Keine Leitplanken, dafür Schotter, Geröll und Gesteinsbrocken in allen Größen. Mittendurch, quer drüber und rundherum jagte Nadeem den Jeep. Die Kurven nahm er wie sie kamen – unvorhersehbar und halsbrecherisch. Dieser Fahrstil wäre selbst auf einer perfekt asphaltierten, trockenen österreichischen Bergstraße einfach nur irre gewesen. Das hier war absurd. Nadeem bretterte dahin, bremste zusammen, schnitt an daher donnernden LKWs vorbei, kollidiert immer grade eben doch nicht mit irgendwelchen Jeeps und Motorrädern und bewegte sich dafür meist haarscharf am Abgrund. Den sah man wegen der Finsternis nicht wirklich, aber man konnte ihn manchmal erahnen. Seinen großen Schlund, der gierig all jene auf Nimmerwiedersehen verschlang, die zu viel wagten oder einfach nur Pech hatten. Manchmal wurde ich in meinen düsteren Fantasien, was die unglaublichen Dimensionen der himalayischen Schluchten betrifft, bestätigt. Und zwar dann, wenn irgendwo tief, tief unten im Tal die Lichter eines Fahrzeuges aufschienen. Meistens sah man aber nicht viel. Wegen der Nacht und wegen dem Staubt, der uns vollkommen umhüllte und erfüllte. Die Fenster waren die ganze lange Fahrt hindurch nämlich offen. Und so befanden wir uns in einem endlosen und vor allem nahtlosen Kreislauf aus Lüften und frischer Staubzufuhr.

Auch der Fahrerwechsel brachte nicht den erhofften Unterschied. Nun war der „Bulle“ am Steuer. Irfan hieß er, was ich aber schnell wieder vergaß (zumindest für’s erste und dann nie wieder – aber das ist eine andere Geschichte). Der Jeep preschte dahin, Köpfe knallten gegen das Dach oder gegeneinander, Schläfen gegen Fenster. Immer wieder verschluckten uns die Sitze dank Beschleunigung und radikalen Bremsversuchen, nur um uns schon wenig später genauso schnell wieder auszuspucken. Gedanken und Ängste wurden durchgerüttelt, bis ich schließlich nicht mehr klar denken konnte. Und ich wollte es auch nicht mehr versuchen. Darum entschied ich mich, eine meiner heiligen Schlaftabletten einzuwerfen. Normalerweise tat ein Viertel der Pille hinreichend seine Wirkung, sodass selbst ich auch gemütlich für 6–8 Stunden wegdösen konnte. Ich habe wirklich Probleme mit dem Schlafen. Ich schlafe sicher nicht in einem Verkehrsmittel, weder zur Land, See oder Luft, weil ich meistens schon allein vom Akt des Einnickens wieder wach werde. Ich schlafe nicht vor dem Fernseher ein, auch nicht wenn ich durchgemacht habe. Ich schlafe nicht allzu gerne, wenn neben mir jemand atmet oder wenn die Sonne aufgeht. Ich werde wach, wenn die Vögel zu singen beginnen. Und manchmal auch, wenn der Schnee fällt. Deswegen hielt ich diesmal hoffnungsvoll eine ganze Schlaftablette für angemessen. Und während ich sie schluckte, betrachtete ich voller Neid die offenen Münder der Inder, die mit jedem spektakulären Fahrmanöver vermutlich noch tiefer in ihre Tiefschlafphase glitten. Inder können wirklich überall schlafen. Man könnte sie auch einfach über eine Stuhllehne hängen und sie wären in wenigen Minuten bereits schlummernd angekommen im Nirwana, dem Ende allen Leidens. Auch ich wollte mein Nirwana nicht im Erwachen, sondern im Schlaf finden. Aber letzten Endes war es bloß ein Delirium. Eine synthetische Lethargie. Irgendwie bekam ich trotz allem die hupenden Lastwägen mit, die an meinem Ohr vorbeibretterten, den Staub und Rauch, der mich fast erstickte. Das dauernde Wechselspiel von bremsen, beschleunigen, Lenkrad herumreißen. Steißbein und Co hingegen waren bereits angenehm taub. Und irgendwann war mir alles endlich egal – für ein paar wenige Stunden zumindest. Bis zum „Morgen-Grauen“, als ich meine Augen öffnete und auch ohne Kontaktlinsen vollkommen klar und deutlich sah, dass neben beziehungsweise unter mir nichts war. Da waren nur ich, die Autotür und dann die gähnende Leere. Und: Wir fuhren. Wir rasten. Die Talsohle des 5.000er Passes konnte ich nicht mal erkennen. Ich weiß nur, dass ich Todesangst hatte. Und die wurde nicht gerade besser, als ich meine Brille aufsetzte. Jetzt konnte ich das Tal mit seinen mikroskopisch kleinen Bäumchen und Häuschen sehen. Und ich konnte die „Straße“ erkennen, die manchmal gerade mal so schmal wie unser Jeep war. Unbefestigt, mehr einem Hangrutsch gleichend. Auf die raste Nadeem, der wieder am Steuer saß, mit einer Todesverachtung zu. Ohne Rücksicht auf Verluste oder mögliche LKWs, die uns vielleicht gerade hinter der nächsten Kurve entgegendonnerten.

Jetzt half nichts mehr außer Mantren und Stoßgebete. Damit war ich übrigens die einzige. Die anderen schliefen alle nach wie vor und bekamen gnädigerweise nichts mit. Und Nadeem? Der grinste höchstens ab und an anzüglich in den Rückspiegel. Ich ehrte derweil jeden einzelnen Meter, den wir unversehrt hinter uns ließen. Als die vormals so unglaublich kleinen Bäume endlich als riesige Giganten an uns vorbeizogen, hatten wir es geschafft. Wir hatten das Tal erreicht, Buddha, Allah, Shiva und Co sei Dank. Nadeem hielt bei der ersten kleinen Teestube im Tal und wir stiegen aus.

Gesicht und Lungen schwarz vor Staub und Dreck. Vollkommen zerschlagen, vollkommen steif und ich irgendwie vollkommen am Ende mit den Nerven. Als ich einen dampfend heißen Chai in meinen zitternden Händen hielt, konnte ich nun endlich die Umgebung auf mich wirken lassen: Sie war einfach nur atemberaubend. Kaschmirs Natur gleicht der alpinen österreichischen Landschaft, nur ist alles viel größer, imposanter, rauer und mystischer. Um mich herum stiegen schroffe Felsen empor, fabelhafte Baumriesen verloren sich im Nebel, ein herrischer Gebirgsbach bahnte sich tosend seinen Weg ins Tal. Und von irgendwoher kam plötzlich ein rhythmisches Klingeln, wie eine Melodie, sie wurde immer lauter. Ziegen meckerten. Plötzlich teilten sich die dichten Nebenfetzen und wie in einem Märchen glitten kaschmirische „Zigeuner“ auf ihren Pferden hervor. Männer mit Turbanen und dichten Bärten und hennaroten Haaren, zerzauste Kinder mit großen schwarzen Augen, wunderschöne Frauen in bunten Kleidern. Überall Glöckchen und Spiegel, die die frühen Sonnenstrahlen einfingen und tausendfach in die Landschaft reflektierten. Die Menschen zogen vorbei, als würden sie mich nicht sehen. Als gäbe es dies alles hier nicht. Unwirklich. Genauso als hätten sich die Schleier zur Anderswelt für einen magischen Moment aufgetan. Und das war er auch – magisch. Nicht einen Moment dachte ich daran, ein Foto zu machen oder die anderen zu holen. Ich stand nur da und hielt den Atem an, berauschte mich an diesen wunderschönen Bildern, die wie im Traum an mir vorbeizogen.

Es sind diese einzigartigen Momente, die Reisenden die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ geben. Reisen ist manchmal kräftezehrend, anstrengend. Aber genau solche Augenblicke machen das Reisen jede Mühe wert.